Abstrakte Kunst - was ist das eigentlich?
Text von Josephine Taraschkewitz
Abstrakte Kunst zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht die sichtbare Realität abbildet. Im Unterschied zu der sogenannten konkreten Kunst, werden künstlerische Mittel genutzt um zum Beispiel an die sichtbare Realität zu erinnern. Es gibt sogar abstrakte Kunstwerke, die unabhängig von der sichtbaren Realität ihre ganz eigene Bildsprache entwickeln, die unabhängig von der realen Welt existiert.
Die künstlerischen Mittel abstrakter Kunst sind beispielsweise Farbe, Form, Linie, Fläche und Komposition, die durch die Methoden „Vereinfachung“, „Reduzieren“, „Weglassen“ und „Verfremden“ so eingesetzt werden, dass gegenständliche Motive nicht mehr als solche erkennbar sind.
In der bis zum frühen 20. Jahrhundert bekannten Kunst wurde bis dahin die sichtbare Realität durch die Abbildung von konkreten und gegenständlichen Motiven dargestellt, mitunter wird auch von figürlichen Elementen, Komposition, Inhalten gesprochen.
In der konkreten Kunst wird durch ein Zeichen auf etwas verwiesen und es gibt 3 Arten von Zeichen: der Index, das Ikon oder das Symbol verweisen auf einen Sachbestand, eine Situation, eine Erscheinung der sichtbaren Realität unserer Gegenwart.
In der abstrakten Kunst ist das anders. Die Bedeutung entsteht im Dialog zwischen Werk und BetrachterIn, wobei individuelle Assoziationen, Emotionen und Erfahrungen eine zentrale Rolle spielen. Reflexion und die Partizipation des Publikums sind wichtige Bestandteile in der Beschäftigung und der Sinngebung und Bedeutungsbildung mit und von abstrakter Kunst.
Für den/die KünstlerIn stellt sich stets die Frage „wie sehr kann das Werk verfremdet werden bis der Bezug, falls gewünscht, zu gegenständlichen Motiven und die Assoziationen von der Allgemeinheit nicht mehr getätigt werden kann“. Hier stellt sich die Frage, welche Intention verfolgt die Künstlerin/Künstler?
Aus einer philosophischen Betrachtung heraus, was ist die „sichtbare Realität“?
Wenn wir davon ausgehen, dass die Realität von jedem/r Einzelnen unterschiedlich und zwar subjektiv wahrgenommen wird, dann stellt sich die Frage, was ist die sichtbare Realität – worauf können wir uns für alle gültig einigen? Jede Form der Wahrnehmung ist letztlich ist subjektiv und wir können nur das wahrnehmen, was wir aus der Erfahrung her kennen.
Abstrakte Kunst ist also unabhängig vom indexikalischen Zeichen, das verbindlich auf etwas verweist. In der abstrakten Kunst gibt es keine eindeutige Verbindung zwischen Zeichen und Inhalt. Sie ist in der Regel arbiträr.
Hierzu können wir uns einige konkrete Beispiele der ausgestellten Künstler im Showroom anschauen:
Richard Glick, amerikanischer Künstler: seine Gemälde sind Erfahrungen in Schichten – hinzugefügt, entfernt, wiederentdeckt. Sie erforschen Raum, Textur und Emotionen jenseits des Gegenständlichen. „Beyond“ steht für das Unendliche und das, was unsere Wahrnehmung übersteigt. Gleichzeitig spiegeln die Grenzen der Leinwand persönliche Schranken zwischen Schutz und Neugier. Jedes Werk ist eine Einladung, das Vertraute zu verlassen und das Unbekannte zu erleben.
Stanilaus Hergert verbindet poppige Farben und alltägliche Szenen mit Fragmenten der Erinnerung. Seine reduzierten, kubistisch beeinflussten Kompositionen wirken wie visuelle Echos, die persönliche Assoziationen beim Betrachter anregen.
Jutta Siebert im Spannungsfeld von Gegenwart und Erinnerung. Ihre Werke entfalten sich organisch wie ein Dialog zwischen Unterbewusstsein und Bewusstsein.
Einige Künstler möchten auch die Arbeiten, Materialien, Farben, Techniken für sich sprechen lassen – die Kunst verweist dann nicht mehr auf etwas anderes, sondern nur noch auf sich selbst, sie ist selbst-referenziell.
Gute Beispiele hierfür sind:
Bei Felix Schauwecker hingegen tritt die Natur ins Zentrum. Seine skulpturalen Arbeiten erinnern an Wasser, Erde, an das Unberechenbare des Lebens. Er schafft Werke, die nicht auf etwas anderes verweisen müssen, sondern ihre eigene Energie, Tiefe und Materialität in den Vordergrund stellen.
Ähnlich intuitiv arbeitet Astrid Böckermann. Farbe und Gefühl treffen bei ihr direkt auf die Leinwand, ohne Vorlage, ohne Kalkül. Ihre Malerei zeigt, wie stark Emotion und Material miteinander verschmelzen können – sie verwandelt Alltägliches und Erlebtes in neue Bildwelten.
Und schließlich Lars Plessentin: Mit seinen Lichtobjekten verbindet er analoge Fotografie, digitale Bearbeitung und Materialexperimente. Seine Arbeiten changieren zwischen Erinnerung und Realität – nicht ohne eine ironische Brechung, die unsere Wahrnehmung hinterfragt.
